Trainer-Erfahrungsbericht: Kinder-Selbstverteidigungstraining im „Wuppertaler Zentrum für Kinder und Jugendliche“

Am 09. Oktober 2014 fand ein Selbstverteidigungstraining von zwei Kindergruppen im Alter von sieben bis zehn Jahren statt. Jene Kinder, die ich unterrichten sollte, verbrachten ihre Schulferienzeit im Tages-Zentrum Roettgen in Wuppertal und hatten allesamt bis dato weder Erfahrung im Bereich Wing Tsun noch allgemein in der Selbstverteidigung.
Als ich für diese neue Herausforderung gebucht wurde, war mir schnell bewusst, dass ein Kindertraining sich stark von einer Trainingsstunde für Erwachsene unterscheidet. Zu dem respektvollen Umgang miteinander musste im Kinderbereich eine vielmehr spielerische statt nur logische Erklärungsmethode einfließen. Außerdem wollte ich den Kindern einen kurzen Einblick in unser Wing Tsun System präsentieren, da frühere Erfahrungen in der Selbstverteidigung vielen Menschen im Jugend- oder Erwachsenenalter in kritischen Situationen vor einer Opferrolle bewahren können.

Vor dem Termin im Kinder-Tageszentrum habe ich mir viele Gedanken über den Trainingsaufbau gemacht, mich mit erfahrenen Trainingskollegen ausgetauscht und mich intensiver auf die beiden bevorstehenden Trainingsstunden vorbereitet als üblich. Denn nicht nur für die Kinder war diese Erfahrung neu, sondern auch für mich. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie Kinder trainiert.
Nachdem ich mich vorgestellt und das bevorstehende Training erklärt hatte, habe ich es mit unserer traditionellen Begrüßung eingeleitet, worauf eine Abfolge von leicht ausführbaren und verständlichen Übungen folgte, die ich erst einmal mit einem der Betreuer vorführte. Während der ersten Übung sollten sich die Kinder gegenseitig nur schubsen, ohne dabei Gegenwehr zu leisten, um hinterher analysieren zu können, wie sie sich in einer solchen Situation gefühlt haben. Dabei war es mir wichtig, nicht nur zu erfahren, ob sie sich dabei gut oder schlecht gefühlt haben, sondern was sie denken, was man unternehmen könnte, um erst gar nicht in eine solch unangenehme Situation zu gelangen.

Auf diese Weise haben wir uns als Gruppe durch die einzelnen Übungen gearbeitet: Auf eine Vorführung und Erläuterung der Übung mit mir und dem Betreuer, folgte eine praktische Einheit der Kinder und eine theoretische Analyse im Anschluss. Dies hatte den Zweck jedem einzelnen Kind auch den Sinn hinter einer Aktion zu erklären und den Unterricht nicht aufs Vorführen und Nachmachen zu beschränken.
Vorerst war ich skeptisch, ob die Kinder körperlich komplexe Übungen in solch einem jungen Alter nachvollziehen können. Doch ich wurde eines besseren belehrt, denn die Kinder waren lernwillig, offen und es gelang ihnen, den Übungen wie Erklärungen zu folgen und sie, wenn natürlich auch nicht in Perfektion, auszuführen. Dabei konnte ich keine Berührungsängste beobachten. Stattdessen wurden Grenzen ausgetestet, was mich und die Betreuer öfters dazu veranlasste, einzuschreiten und die Konzentration des ermahnten Kindes zurück auf die eigentliche Übung zu lenken.
Besonders wichtig an diesem Tag war mir jedoch, dass die Kinder Spaß an der Sache hatten und ich sie für das IUEWT-Wing Tsun begeistern konnte, damit sie diesen Schritt eventuell auch in Zukunft gehen. Für mich persönlich war diese Erfahrung eine sehr positive, insbesondere weil sie neu für mich war. Bei gestellten Fragen musste ich oftmals ein wenig länger überlegen, um mich für Kinder verständlich auszudrücken. Meine Worte waren gewählter und ich merkte, dass ich aufmerksamer war, auf Kinder, die sich im Abseits aufhielten, zuging und sie bei Bedarf auch in einem ruhigen Einzelgespräch ermunterte mitzumachen oder ängstlichen Kindern Mut zusprach. In solchen Momenten wurde mir bewusst, dass man sich nicht nur mit den Kindern, bzw. Schülern auseinandersetzt, sondern vor allem mit sich selbst.

Wie kann man gewisse Übungen anders gestalten oder Fragen anders stellen, um Verständnis zu erreichen? Wie weit muss man Übungen verändern, damit diese nicht zu komplex werden in der Ablaufstruktur, sie nachzuvollziehen sind und somit auch im Gedächtnis der Schüler bleiben?
Obwohl ich mir vor dem Unterricht viele Gedanken gemacht habe, merkte ich, dass man sich nicht auf alles vorbereiten kann und es manchmal sogar besser ist, sich erst einmal mit den Kindern zu befassen und im Notfall auch zu improvisieren, da das Training mit Erwachsenen doch um einiges leichter vonstattengeht.

Mir hat diese Erfahrung klar gemacht, dass sich alles ausschließlich ums Lernen dreht, selbst wenn man jemand anderem etwas beibringen möchte. Nur wer sich ständig selbst reflektiert und sich fragt, welche Aussagen man treffen oder welche Handlungen ausführen will, wird sich im Lehren anderer, sei es in der Kampfkunst oder in anderen Lebensbereichen, stets verbessern und seinen eigenen Weg finden. Und Kinder, als Schüler, sind für mich dabei der beste Anfang.
Ein großes Lob an dieser Stelle geht vor allem auch an die Betreuer der Kindergruppe, die mir beim Ausführen der Übungen und den Hilfestellungen für die Kinder hilfreich zur Seite standen. Durch ihre erzieherische Erfahrung im Umgang mit Kindern und ihr Bewusstsein dafür, inwieweit Grenzen beim Unterricht gesetzt werden, habe ich auch von ihnen gelernt mich selbst in vielen Momenten als Schüler betrachtet. Auch hoffe ich, dass ich ihnen in der kurzen Zeit einen guten Eindruck des IUEWT-Wing Tsun und das Interesse an weiteren Stunden mitgeben konnte.

Positiv für mich war auch die Freude und Abwechslung, die die Kinder hatten. Anhand von kleinen Feedback-Runden, die ich nach jeder Übung und im Anschluss an das Training eingebaut habe, konnte ich zufrieden feststellen, dass die Kinder etwas Lehrreiches für sich in den zwei Stunden mitgenommen hatten. Das war mir wichtig, denn dann hatte nicht nur ich als Lehrer an diesem Tag etwas gelernt, sondern auch alles richtig vermittelt.
Bernd Bähring
Ausbilder IUEWT



Bernd Bähring ist einer der Hauptdarsteller aus dem Buch

Selbstverteidigungslogik in 120 Minuten in Theorie & Praxis / Band I: Die Logik der Selbstverteidigungskunst Wing Tsun