Lernleistung / Umsetzungsleistung im Hinblick auf Graduierungssysteme in den Kampfkünsten

Dieser Artikel soll zuallererst allen IUEWT-Aktiven helfen, den Lernprozess der Kampfkunst besser zu verstehen und dadurch eine geistige Ruhe zu entwickeln, die für einen nachhaltigen Lernprozess förderlich ist und das Ego daran hindert, diesen Lernprozess zu behindern.  Er ist auch an alle anderen gerichtet, die sich selbst überprüfen möchten, ob die Erwartungshaltung richtig ist und der Lernprozess srichtig begleitet, geführt und beschrieben wird. 

Beim Lernen gibt es zwei Stufen, um Inhalte zu nachhaltig zu verinnerlichen: die Lernstufe mit der Lernleistung und die Umsetzungsstufe mit Umsetzungsleistung.

Lernstufe / Lernleistung: beim Lernen – in diesem Zusammenhang immer bezogen auf Kampfkünste - kann man sich nur durch Imitation von Bewegungen, die man visuell wahrnimmt, an die Zielvorgabe Schritt für Schritt herantasten. Dabei kann man sich zwar von außen nicht selbst beobachten – dies kann man aber durch die Arbeit vor einem Spiegel etwas ausgleichen. Dazu kommt ein ‘Erlernen’ von gewissen Abläufen - ähnlich einer Choreografie im Film / Theater. Die Funktion des Korrektivs übernimmt maßgeblich der Lehrer / Trainer, dessen mündliche Anweisungen umgesetzt werden sollen / müssen. Ähnlich einem Einweiser beim Einparken eines Fahrzeugs oder einem Regisseur beim Film / Theater. Dies gilt gleichermaßen für traditionelle als auch logische Kampfkünste. Wenn eine Kampfkunst nicht (!) bei einer Lernbasis durch ‘Kraftkörpergefühl’ in der Einzel- als auch Partnerarbeit angesiedelt ist – damit ist nicht Sparring oder ähnliches gemeint – bleibt die verbale Anweisung des Lehrers / Trainers das einzige Korrektiv, welchem man immer vertrauen muss – wie dem Einweiser beim Parken mit Rufen, Schreien und Gestik. Wenn aber der Einweiser im Alter schlechter sieht oder generell unverständlicher wird, dann kommt es gegeben falls zum Unfall.

Der Prozess der Lernleistung durch Imitation dauert – abhängig von der Auffassungsgabe und in Verbindung der eigenen körperlichen Situation mehr oder weniger kurz. Es gibt Menschen, die von Natur aus eine schnelle visuelle Wahrnehmung umsetzen und andere, die kaum links und rechts motorisch voneinander unterscheiden können. In diesem Zusammenhang wird auch gerne der Begriff des ‘Talents’ verwendet.

Wichtig: die Lernstufe / Lernleistung ist immer (!) der einleitende Schritt in den weiterführenden Lernprozess hin zur Umsetzungsleistung.

Umsetzungsstufe / Umsetzungsleistung: wenn man die Nachahmung / Imitation der Vorgaben sehr nah an die dargestellte oder vorgegebene visuelle Zielvorgabe angenähert hat, muss hier der geistige Prozess einsetzen, um zu verstehen, warum die Technik / Bewegung an sich notwendig ist und was dazu notwendig ist, diese Technik / Bewegung auch erfolgreich in Übungs- als auch Anwendungszenarien umsetzen zu können. Dieser Prozess ist sehr intensiv, dauert Jahre bis Jahrzehnte, denn es muss die körperliche und die geistige Ebene gleichwertig entwickelt werden. Hierbei ist es unvermeidbar, gedanklich als auch körperlich sehr in die Tiefe der Komplexität einzudringen – aber gerade dies ist auch sehr ansprechend und vor allem lohnend – denn dies kann bis ins hohe Alter betrieben werden. Was für eine Perspektive! Dies sollte nicht abschrecken – denn mit einer logischen Basis können ansatzweise grundlegende Umsetzungsergebnisse schnell erzielt werden.

Der westlich geprägte Mensch ist aufgrund seiner Sozialisierung ausschließlich an einer schnellen erfolgreichen und (!) gleichzeitig ganzheitlichen Umsetzung interessiert als an einem natürlichen Lernprozess, deshalb kann man seinen Wunsch nach einer schnellen erfolgreichen und (!) gleichzeitig ganzheitlichen Umsetzung nur dann zufriedenstellen, wenn man ihm das Gefühl vermittelt, das seine Lernleistung auch der Umsetzungsleistung entspricht. Dies führt leider zu einer falschen Sicherheit und einem falschen Selbstbewusstsein – ist aber das Ergebnis einer Entwicklung, die vor vielen Jahrzehnten in den Kampfkünsten so begonnen hat.

Mit der modernen Verbreitung der Kampfkünste wurde das Verhältnis der traditionellen Gruppenstärke von wenigen Schülern zu einem Lehrer über das gesamte Leben hinweg aufgebrochen hin zu einem Verhältnis von unzähligen Schülern zu tausenden Lehrern. Um dies mit den gleichen Inhalten gleichmäßig an die Mengen von Lernwilligen vermitteln zu können, brauchte es strukturierte Lehrpläne als auch Einteilungen in ‘Klassen’ - anlog zu öffentlichen Bildungssystemen. Daher ist es wichtig, sich die Begriffe ‚Lernleistung / Umsetzungsleistung‘ zu unterscheiden und zu verdeutlichen. Dazu gehört auch die ständige Begleitung des Lehrers / Trainers, dies im Training immer wieder zu erklären bzw. zu erwähnen.

Das IUEWT Graduierungssystem steht mit diesem Prozess im Einklang, denn es markiert die einzelnen Lernstufen. Dabei sind die Schülergrade maßgeblich als Zeichen der Lernleistung und nicht der Umsetzungsleistung zu verstehen – eine Umsetzungsleistung kann sich in dieser Phase nur ansatzweise einstellen. Die Umsetzungsleistung erhält erst ab der Techniker-/Meisterstufe seine Priorität.

Das Verhältnis zwischen Lernleistung und Umsetzungsleistung ist genau umgekehrt: wenn zu Beginn hauptsächlich die Lernleistung im Vordergrund steht, hat die Umsetzungsleistung nur wenig bis gar keine Bedeutung. Dieses Verhältnis ändert sich dann im weiteren Verlauf. Anders ausgedrückt: man lernt zu Beginn durch Imitation eine Quantität von Inhalten, die man noch gar nicht mit Qualität versehen kann – aber mit zunehmender Entwicklung muss sich der Fokus von der Quantität hin zur Qualität verschieben.

Würde man - was viele auch machen aber pädagogisch wenig sinnvoll ist – von vorneherein mit der Quantität auch die die Qualität im gleichen Maße mit entwickeln wollen, dann sind die Fortschritte fast nicht mehr spürbar und man hat das Gefühl, man bleibt auf der Stelle stehen. Denn das Paradox, dass man zur Entwicklung von Qualität erst einmal eine Quantität von Information und Erfahrungen haben muss, wird nicht direkt von jedem so erkannt.

Die Arbeit an der Qualität – die Verfeinerung (‚Refinement‘) – ist zeitlich viel anspruchsvoller als die Lernleistung über Quantität. Diese Aussage gilt gleichermaßen für alle Dinge des Lebens und kann durch keine noch so moderne Form der Werbung außer Kraft gesetzt werden. Wenn es ginge, dann wäre das Bildungssystem der öffentlichen Einrichtungen schon seit Jahren ungültig.

Sifu/Master Marcus Schüssler