Besuch in einer Wing Chun Schule – Erfahrungsbericht und Nachlese

An einem Freitagabend war ich in die, erst vor kurzem gegründete Schule bei Bochum/Hattingen eingeladen. Dass kurz vorher abgehaltene verbandsoffene Seminar mit dem Organisationsleiter konnte ich krankheitsbedingt nicht besuchen. Ich war allerdings schon sehr gespannt, denn jener Organisationsleiter schreibt auf seiner Verbandsseite Dinge über sich selbst, seine Motivation und Einstellung, die mir Kopfkirmes bereiteten. Da ist von Eliten und Kriegern die Rede, und allerhand Dingen, bei denen meine Alarmglocken angehen. Dazu aber an dieser Stelle nicht mehr, denn ich habe weder mit ihm gesprochen, noch mit ihm trainiert.

Die Trainingsstätte ist ein gut zu erreichender Altbau mit großen hellen und schönen Räumen und tollem Holzboden. Matten waren nicht vorhanden, aber ich kann ebenso wenig über deren Bodenkampfprogramm sagen.

Der Umgangston war freundschaftlich und die Mitschüler ebenso.

Sonst war alles anders!
Schon die „Siu Nim Tau“, die auch hier als Trainingsbeginn praktiziert wird, war komplett anders.

Nein, es fing schon früher an! „Zentrallinie“; wo ist die hin??? Abgeschafft! In der Dynamik des Kampfes gibt es das nicht mehr. Somit auch keinen Keil... und schon fingen mein Probleme an-zumindest im Verständnis.

Die Arme werden, mit seitlichen Ellenbogen, wie zwei kurz vor dem Gesicht gehaltene „Wu-Sau“ Arme gehalten. Die Stellung ist ein breiter „IRAS“. Alle Bewegungen der Arme, die ich kennen lernte, sind kurz und gehackt. Deren Prinzip sagt, dass alles in Reichweite zerhackt werden muss.

Die Form hat nicht mehr viel mit der Yip Man Form zu tun. Keine Weichheit und das ganz bewusst. „Chi-Sau“ oder „Dan-Chi“ gibt es in der mir bekannten Form nicht mehr. Es wird nicht mehr gerollt und es gibt auch keine „Einstiege“, die durch „Umleiten“ oder „verformen“ entstehen.

Man löst einen Arm und führt einen Schlag zum Gegner aus. Kommt der nicht durch, gleich nochmal das ganze!

Aber zurück zum Anfang.

Nachdem ich bei der Form schon im Versuch scheiterte, konnte ich mich mit Fragen schon nicht mehr zurück halten. Warum dieses oder jenes???

Das Gesehene erinnert mich mehr an eine Mischung aus Karate und Boxen. Es gibt seitliche Ausfallschritte, um den eigenen Stand zu verbreiten und zu verbessern. Diagonale Faustschläge, um den Keil des Gegners zu brechen. Auf meine Frage, warum und das doch die kürzeste Verbindung von zwei Punkten eine Grade sei, bekam ich gesagt, dass sein Angriff aber meine Grade schneiden würde und ich somit „mein Ziel nicht erreichen könnte“, er seins aber schon. Eine gewagte These, die ich aber ohne ausreichende Geschwindigkeit und eventuell einen Helm nicht mit dem Ausbilder testen wollte.

Während ich gelernt habe, in den meisten Fällen Faust vor Schritt und zum Erhalt der „Kraftlinie“ mit dem Bein derselben Seite, mit der ich auch schlage vor zu gehen, ist es in dieser Wing Chun Linie anders. Wie beim Boxen oder Karate kommt die Kraft aus der Hüfte und der Körperspannung durch diagonales benutzen von Schlaghand und „Führbein“. Die Gewichtsverteilung ist übrigens auch nicht so „hecklastig“, sondern in etwa ausgeglichen.

„Bong-Sau“ ade! Der „Bong-Sau“ ist in seiner Form und Funktion wie ich ihn kenne und nutze abgeschafft. Er entsteht aktiv und ist vergleichbar mit einem angesetzten, horizontalen Ellenbogenangriff. Daraus resultiert dann auch ein „Ellenbogen-Angriff“ oder ein „Fak-Sau“. Primär ist es aber ein starrer Block zum Schutz des Kopfes. Die Verteidigung des unteren Torsos wird schon aufgrund der hohen, vor dem Kopf befindlichen Arme und Hände vernachlässigt. Den Kopf zu schützen ist oberste Priorität. Es ist das priorisierte Ziel bei allen Angriffen die ich gesehen habe.

Die Trittabwehr sieht eigentlich aus wie bei vielen und ich kann weiter auch nichts dazu sagen, weil es in der Trainingseinheit auch nicht weiter konkretisiert wurde.

Fazit:

Die Schule und wohl auch der Organisationsleiter und sein Verband haben sich auf die Fahne geschrieben, härter zu sein als alle anderen. Dazu gehört technisch, dass jedes zu nah kommende Körperteil „gehackt“ wird. Es gibt keine „Weichheit“, kein „Fühlen“ und keine daraus resultierenden Verformungen mehr. Das hat laut dem Ausbilder den Hintergrund in der realen Verteidigungssituation.

Ein Angriff kommt meist überraschend. Schutz und Gegenangriff mit größtmöglicher Wirkung beim Gegner soll im System erreicht werden. Deshalb die hohen Arme in der „Vorkampfstellung“, der Verzicht auf die Zentrallinie und das „Hacken“ in die gegnerischen Arme. Die überkreuzte Arm-Schritt-Arbeit und das abgehackte, nicht fließende in den Bewegungen resultiert wohl daraus.

Da der Organisationsleiter Prüfungen nur persönlich abnimmt, bürgt er so für die Qualität und Fähigkeit seiner Trainer. Sein höchstes Ziel ist ein Elitekrieger, der auch im Umgang mit jeglichen Waffen geschult ist. Persönlich ist mir sein Kredo zu militärisch, elitär, patriarchisch und egozentrisch, aber jeder wie er will!

Da ich weder meisterlich in keinem Stil bin, fällt mir eine Beurteilung über besser und schlechter schwer und steht mir wohl auch nicht zu. Da ich mich aber mit der Historie und den daraus hervorgegangenen Linien und Stilen vertraut gemacht habe, fällt mir auf, dass kein mir gekanntes, anderes „Wing Chun“ System auf die Zentrallinie oder auf Gefühlstraining verzichtet.

Der Aufbau erinnert mich mehr an junge Systeme wie “Krav Maga“, wo auch funktionierende Techniken aus anderen Kampfkunstsystemen adaptiert werden. Ein „aufgeladener“ gerader Schlag mit überkreuzter Schrittposition hat bestimmt eine Menge Energie, wenn er einschlägt, ein zentraler gerader Schlag ist allerdings schneller im Ziel.

Was in einer Selbstverteidigungssituation am besten ist, bleibt aber Personen und situationsabhängig. So meine Meinung! Ich fand das Training spaßig und bin sicher, dass es mein Hirn wieder mal um neue Denkweisen bereichert hat. Bildet euch selbst ein Urteil, erweitert euren Horizont und schaut euch andere Systeme an.

Danke dem Ausbilder für Zeit und Geduld und Know-How!

Thomas