Der Bong-Sao – das unbekannte Wesen

Über den Bong-Sao im Wing Tsun ist bisher wenig geschrieben worden. Die einzigen allgemein wahrgenommenen Kenntnisse darüber sind: er stellt eine Verformung dar, wenn die Kraft des gegnerischen Angriffes auf der Zentrallinie zu groß ist um dem Grundsatz des Nachgebens im Wing Tsun zu entsprechen und die wörtliche Übersetzung lautet: ‚Schwingenarm‘.

Aber was ist der Bong-Sao wirklich? Reichen diese einfachen Informationen aus, um en Bong-Sao tiefergehend zu verstehen?

Hier noch einmal das Grundkonzept des Wing Tsun, sozusagen den Architektenplan – das logische System der zentralen Kampflinie(n) (siehe hierzu die ausführlichen Erläuterungen in: Selbstverteidigungslogik in 120 Minuten in Theorie & Praxis Band I: Die Logik der Selbstverteidigungskunst Wing Tsun). Hier nochmal eine kurze Zusammenfassung:

[Stellen Sie sich vor, Sie berühren mit Ihrer Stirn ein gerades, waagerecht hängendes Brett und verschieben geistig die Grundfläche des Bretts senkrecht nach unten. Von oben betrachtet bildet diese Fläche die Grundlinie Ihres Kopfes (altes Sprichwort: Brett vor dem Kopf). Der hervorstehende Körperteil an Ihrem Kopf, die Nase, steht immer im rechten Winkel vom Kopf ab und bildet den Ursprung, an dem die zentrale Kampflinie entsteht, nämlich an der Nasenspitze.
Die zweite wichtige symmetrische Aufbaulinie ist die Mittellinie des Körpers von vorn betrachtet. Stellen Sie sich vor, Sie halten eine Stange senkrecht vor Ihrer Nase genau in der Mitte Ihres Körpers, dann erhalten Sie die sogenannte Mittelsenkrechte.

Nun nehmen Sie eine zweite Stange, die Sie als Verlängerung von Ihrer Nase weg halten, ähnlich wie bei Pinocchio. Gleichzeitig halten Sie die Stange, die die Mittelsenkrechte sichtbar macht, vor Ihren Körper. Nun erhalten Sie vor Ihrer Nase einen Schnittpunkt beider Linien. Dies ist der Startpunkt der zentralen Kampflinie, der allein durch die Körpergröße des jeweiligen Menschen veränderbar ist!

Allerdings ist die verlängerte Linie von der Nase weg nach vorn in ihrer Reichweite nicht klar definiert. Ähnlich der Zeichnung des vitruvianischen Menschen von Da Vinci bestimmt der rechte Winkel der Arme zum Körper die maximale Reichweite. Zu diesem Zweck strecken Sie beide Arme nach vorn und drücken die Handflächen fest aneinander. So erhalten Sie einen neuen körperlichen Scheitelpunkt, der sich so weit vor dem Körper befindet, wie Ihre Arme lang sind. Gleichzeitig versetzt dieser Scheitelpunkt die Mittelsenkrechte entlang der Nasenlinie nach vorn. Ihre Fingerspitzen definieren also den Endpunkt der Nasenlinie. Damit ist die persönliche zentrale Kampflinie festgelegt und der Startpunkt hat sich auf waagerechter Höhe der Fingerspitzen abgesenkt. Die gedachte Verbindung Nase-Fingerspitzen ist eine weitere Hilfe.
Mit dieser Konstruktion, zu der Sie keine zweite Person brauchen, haben Sie mithilfe Ihrer persönlichen Körperproportionen, die bei jedem Menschen anders sind, Ihre „persönliche zentrale Kampflinie“ geformt. Stellen Sie sich nun Ihrem Partner frontal gegenüber. Seine persönliche zentrale Kampflinie wird ebenfalls ermittelt. Sie legen Ihre jeweiligen Armhaltungen übereinander, wobei die beiden zentralen persönlichen Kampflinien ineinander verschmelzen zu der sogenannten gemeinsamen zentralen Kampflinie. Halten Sie nun Ihre persönliche wie auch die gemeinsame zentrale Kampflinie jederzeit und in jeder Situation kontrolliert aufrecht. Öffnet einer von Ihnen seine Armstruktur, kann der andere durch einfaches Vorwärtsdringen mit dem gesamten Körper die Kontrolle durch Treffer komplett übernehmen. Sie sind also gezwungen, diese Kampflinie um jeden Preis geschlossen zu halten und geschlossen zu führen.]

Da es sich hierbei um eine systematische Betrachtung auf logischer Basis handelt, müssen alle Techniken und Handlungen dieser Systematik entsprechen. Weicht nur ein Element von dieser Systematik ab, so handelt es sich nicht mehr um eine Systematik, denn für diese Abweichung muss nun ein fremdartiger Ausgleich gefunden werden, um den Anschein der Systematik einzuhalten. Weil aber der fremdartige Ausgleich nicht auf der gleichen Grundlage basiert, kann er auch nicht den Anspruch erfüllen und wird dementsprechend ‚passend gemacht‘.
Ergo muss auch der Bong-Sao dieser Systematik entsprechen. Dies beginnt mit der einfachen Tatsache, dass die Hand stets auf/an der Zentrallinie sein muss, um diese auch kontrollieren zu können. Nur wenn die Hände auf/an der zentralen Kampflinie sind, können sie auch der eintreffende Bewegung entgegen treten und dem Körper Informationen besorgen, die einem sagen, ob man den eingehenden Angriff aufsprengen können oder ob man durch Verformung diesem so nachgibt, dass man dennoch die Kontrolle der zentralen Kampflinie beibehält. Dies ist eine der wichtigsten Aufgaben des Bong-Sao und stellt die sogenannte ‚maximale Verformung des Armes‘ dar.

Da die maximale Verformung eines Armes unter dynamischen Bedingungen geschieht, muss der Bewegungsablauf und die daraus resultierende Endpositionierung so angeordnet sein, dass man stets im Gleichgewicht bleiben kann, ansonsten ist der taktische Vorteil durch die Verformung wieder verloren.

Sehr oft streiten sich viele Ausübende über die korrekte Position oder Bewegung, ohne dabei aber sich an wirklich sachhaltigen Parametern zu orientieren. Es werden eher die Berufung auf Aussagen verstorbener oder auch lebender Lehrpersönlichkeiten zur Unterlegung der eigenen Kompetenz herangezogen, ohne dabei durch Systematik den Bong-Sao dem Schüler sozusagen ‚auf den Leib zu passen‘.
Der einfache Sachverhalt aus logischer Sicht: wenn eine Lehrpersönlichkeit gesagt hatte, der Bong-Sao müsse genau in dieser Art und Weise ausgeführt werden, dann hat dies vielleicht genau für diesen Menschen Bewandtnis. Sobald sich aber die körperlichen Parameter bei anderen Menschen ändern, wäre es fatal, diese Aussage eins zu eins umgesetzt zu verlangen. Wenn z.B. ein Mensch 1,50m groß ist und sein Bong-Sao in der für ihn angepassten Art und Weise eine Funktionalität aufweist, dann ist die identische Umsetzung für einen 1,80m großen Menschen unlogisch. Ein wahrer Lehrer versteht es, dem Schüler den Bong-Sao wie einen Maßanzug auf seinen Körper zu schneidern, wobei er diesen maßgenschneiderten Bong-Sao wiederum auf andere Menschen gleich welcher Statur anzupassen versteht.

Den Sachverhalt des erzwungenen Umsetzens einer Aussage auf alle Menschen nennt man in den Kampfkünsten ‚Tradition‘. Dabei bleibt nicht nur die erfolgreiche Funktionalität auf der Strecke, sondern es können auch langfristige gesundheitliche Schäden entstehen. Gerade beim Bong-Sao ist das Phänomen der chronischen Schulterbeschwerden sehr weit verbreitet, ohne dass dabei von der Tradition abgerückt wird, um dem Schüler ggfs. Mittel und Wege zur Verbesserung oder besser sogar zur Vermeidung aufzuzeigen, weil dann das Bild des ‚festgelegten Bong-Sao‘ nicht mehr stimmig ist.

Der Bong-Sao ist eine komplexe Bewegung schon deshalb, weil er von Natur aus nicht im menschlichen Unterbewusstsein evolutioniert wurde, ebenso so wenig wie eine körperliche Strategie auf Basis der zentralen Kampflinie. Ansonsten wäre jeder Mensch von Natur ein Experte in Sachen logischer Kampfkunst und würde von Geburt über all die Fähigkeiten verfügen, welche sich Tausende Menschen auf dieser Erde versuchen mühsam in Jahren/Jahrzehnten zu erarbeiten.
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