Chi-Sao im Wing Tsun – gelebter Taoismus und systematisches Lernen von Kampfstrategie aus einer Übung

Chi-Sao (übersetzt 'Klebende Arme') ist eine aus der traditionellen Kampfkunst entwickelte Übung, die aus heutiger neurophysiologischer Sicht gesehen, die einzige Methode darstellt, wirklich grundlegende Verhaltensänderungen programmieren zu können. Das hehre Ziel, die Kontrolle über sich selbst und damit über den Gegner zu erlernen und zu erlangen, ist ein Prozess, der Jahrzehnte in Anspruch nimmt, wenn man die Messlatte sehr weit oben aufhängt.

Es wurde bereits viel über das Für und Wider des Chi-Sao Üben geschrieben und berichtet, selten aber im Zusammenhang mit dem Einfluss des Chi-Sao auf das generelle Angriffsverhalten gemäß dem 1. Kampfprinzip des Wing Tsun: Weg frei, stoß zu. Dies soll mit diesem Artikel ein wenig deutlicher hervorgehoben werden.
Der Aufbauprozess des Chi-Sao ist in mehrere Stufen gegliedert, die sich aber je nach Organisation und Schule zeitlich und inhaltlich im Detail unterscheiden. In der IUEWT beginnt man zuerst mit einfachen einarmigen Übungsabläufen, um die Techniken der ersten Form (Siu Nim Tao) besser verstehen zu können. Nach dem Abschluss dieser eigentlich recht umfangreichen Phase wendet man sich dem zweiarmigen Chi-Sao zu, dass bis zum Ende des waffenlosen Wing Tsun der wesentliche Übungsbestandteil bleiben wird. Es soll aber hier nun am Beispiel des einarmigen Chi-Sao versucht werden, die Grundlagen des Chi-Sao als solches darzustellen, die später analog im zweiarmigen Chi-Sao umgesetzt werden müssen
Beim einarmigen Chi-Sao wird der inaktive Arm mit der Faust neben dem Körper in der Grundhaltung wie in der Siu Nim Tao 'geparkt'. Nach diversen Einzeltechniken wird das sog. 'Standard Dan-Chi-Sao' eingeführt, bei dem folgender Ablauf eigentlich in allen Stilrichtungen im Wesentlichen gleich ist: Die Ausgangsposition ist der Tan-Sao (Handfläche oben Hand) und der auf dem Tan-Sao aufliegende Fook-Sao (Brücken-Arm). Partner A führt aus dem Tan-Sao einen Handflächenstoß zum zentralen Punkt des Partner B aus, worauf Partner B den Handflächenstoß mit einer Jum-Sao Bewegung absorbiert und neutralisiert. Anschließend bereitet Partner B einen Fauststoß zum zentralen Punkt von Partner A vor, den Partner A dann anschließend mit Bong-Sao absorbiert und neutralisiert. Anschließend kehren beide Arme wieder in die Startposition zurück.
Sehr oft fällt einem äußeren Betrachter des Chi-Sao auf, dass die Übung wie eine Art Zwei-Mann-Choreographie ausgeführt wird, bei der sich beide Partner gegenseitig Erfolgserlebnisse 'schenken' in dem sie mit dem Körper den Angriff 'telegraphieren' und somit der Partner eine hohe Erfolgschance zur halbvisuellen Reaktion 'geschenkt' bekommt. Dies ist aber dem eigentlichen Ziel des Chi-Sao, des 'taktilen Fühlen-Lernens', kontraproduktiv. Besser ist, wenn z.B. der Angriff des Handflächenstoßes nach der Aufnahme von Partner B mit dem Jum-Sao weiter versucht, anzugreifen, was in der Praxis bedeutet, dass Partner A einen gewissen Druck weiter ausüben muss, um eine ständige Angriffsbedrohung aufrecht zu erhalten. Nur mit einer ständigen Angriffsbedrohung, die auf den Partner ausgerichtet wird, kann man die Kampfprinzipien des Wing Tsun umsetzen: 1. Weg frei stoß zu 2. Kleben 3. Nachgeben 4. Folgen
Um dieses Prinzip des ständigen Angriffs oder der ständigen Angriffsbedrohung besser verstehen zu können wollen wir hier einen kurzen Übungsverlauf durchspielen: Stellen Sie sich mit einem Partner so auf, dass sie sich beide frontseitig gegenüber stehen. Der Abstand zwischen ihnen beiden beträgt ca. 2m. Fühlen Sie sich von Ihrem Gegenüber jetzt irgendwie bedroht? Wahrscheinlich nicht! Die Distanz ist ja auch so beschaffen, dass Ihr Partner ohne 'Körpertelegraphie' keinerlei Überraschungsmoment gegen Sie nutzen kann.
Nun kommt Ihr Partner direkt einen Schritt auf Sie zu, überbrückt im Normalfall also ca. 1m. Wie empfinden Sie jetzt? Möchten Sie immer noch freiwillig dort stehen bleiben? Oder sich vielleicht lieber umstellen, um so die Distanz wieder für Sie 'angenehm' werden zu lassen? Bleiben Sie aber dennoch stehen, um unser kleines Beispiel intensiver gestalten zu können!

Nun rückt Ihr Partner wieder nach vorne, diesmal aber nur ca. einen halben Meter. Wie empfinden Sie denn jetzt? Verspüren Sie jetzt den Drang, sich zu verändern? Fühlen Sie die Notwendigkeit, dass Ihre letzte Chance gekommen ist, nochmal eine angenehme Distanz herstellen zu können, in dem Sie sich genau jetzt umstellen? Wenn nein, dann lieben Sie gewiss das Risiko. Aber der überwiegende Teil aller Menschen mögen es nicht, wenn jemand in ihren privaten Sektor einbricht, ihnen somit ihre Sicherheitszone verkleinert und dadurch gleichzeitig eine Bedrohung ausübt.
Spielen wir das Beispiel weiter: Sie stellen sich jetzt um, und stellen wieder eine für Sie 'angenehme' Distanz oder Sicherheitszone her. In dem Moment wo Sie dies ausführen, folgt Ihnen Ihr Partner und versucht die für ihn erreichte Distanz nicht größer werden zu lassen, sondern diese 'Distanz der Bedrohung' immer gleich zu halten. Nun spielen Sie diese sich jetzt kontinuierliche und dynamisch ablaufende Übung für einige Zeit weiter.
Wenn man nun die Übung analysiert, erkennt man, dass man ständig dem Begriff des sog. 'Fluchtreflex' aus der Neurophysiologie folgt, während der Partner ständig der 'Bedroher' ist. Wer von ihnen beiden fühlte sich in der überlegeneren Position, vor allem auch psychologisch? Wohl eher Ihr Partner. Dieses Phänomen ist recht einfach zu erklären: während man sich bei der Flucht (meistens nach hinten!) auf viel mehr Dinge als der Bedroher konzentrieren muss (es läuft eine ständige Überprüfung in Ihrem Kopf ab: ist der Fluchtweg nicht versperrt, halte ich meine Sicherheitszone aufrecht, kann ich noch mehr Distanz gewinnen, kann ich meine Balance halten, etc.), hat es der Bedroher um ein vielfaches einfacher: er konzentriert sich vornehmlich auf uns und das Vorrücken nach vorne, denn er hat alles im Blickfeld. Schon aus diesem Grund heraus ist es sinnvoller, ein Bedroher oder besser Angreifer zu sein!
Was hat all dies nun mit dem Chi-Sao zu tun? Kehrt man zu der Situation des ausgeführten Handflächenstoßes zurück: Nachdem der Handflächenstoß ausgeführt und vom Partner mit Jum-Sao neutralisiert wurde, stellt man fest, dass es nicht klug ist, den Druck oder besser die 'bedrohende Angriffsbereitschaft' einzustellen, da ansonsten der Partner dies positiv für sich nutzen kann, um nun uns in die bedrohte Position zu bringen. Außerdem muss eine Angriffsbereitschaft für den Fall herrschen, dass der Partner plötzlich seinen Arm wegreißt und wir ohne weiteres Nachdenken nach vorne schießen müssen. Will nun aber der Partner seinerseits auch nicht nach seiner Abwehr seine 'bedrohende Angriffsbereitschaft' einstellen, so muss auch er einen Druck nach vorne ausüben. Wenn nun intelligenterweise beide Partner diesem Prinzip folgen, arbeiten beide Personen mit einem Druck.
Aufgrund dieser Logik ist die Existenz eines drucklosen Wing Tsun nicht möglich, wohl aber eines kraftlosen Wing Tsun. Denn gefühlte Kraft (damit ist die Kraft aus der Muskulatur des eigenen Körpers gemeint) ist nur eine subjektive Wahrnehmung der Muskelkontraktionen. Leider ist man noch nicht in der Lage, die Muskelkontraktion eines Mitmenschen wahrzunehmen, kann also nur über den eigenen Körperwiderstand eine Wahrnehmung erfahren. Und die gilt es im Chi-Sao minimieren zu lernen, also Widerstände abzubauen! Hier hat auch die Philosophie des Taoismus einen großen Anteil an der Technikstruktur, denn Chi-Sao lehrt, den Taoismus in einer physischen Form kennen zu lernen, zu erleben und sich darüber zu verändern.
Wie zu Beginn erläutert, dauert dieser Prozess des Umsetzens des Taoismus Jahre, um die gewünschten Veränderungen durchgehend zu realisieren. Einhergehend ist auch hier eine mentale Veränderung verbunden mit dem Reifeprozess eines Menschen. Z. B. wurde die Unterrichtszeit von Yip Man in HongKong in verschieden Phasen eingeteilt, der auch verschiedene Originalschüler entsprangen, und die sich in ihrer Umsetzung der Lehre Yip Mans teilweise sehr stark unterscheiden.

Dies ist darauf zurück zu führen, dass auch Yip Man zu seinen Lebzeiten Entwicklungsphasen körperlich wie auch mental absolvierte, und diese dann jeweils aktuellen Erfahrungswerte an seine Schüler zu diesem Zeitpunkt weitergab. Sein eigener Entwicklungsprozess stoppte aber nicht.

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