Bericht vom Jubiläumslandeslehrgang 2013 des Goshin-Jitsu Verbandes NW e.V. mit (Sifu) Marcus Schüssler als Referent zum Thema Wing Tsun

In Herne - mitten im Herzen des Ruhrgebiets - fand am 27. April 2013 der Landeslehrgang des Goshin-Jitsu Verbandes NW e.V. statt. Der Ausrichter des Lehrgangs war Mario Groß, Leiter des Shogun Herne e.V. Für diese Landeslehrgänge wurden in der Vergangenheit auch immer wieder Referenten anderer Kampfkunstsysteme eingeladen, um so neuen Input aufnehmen zu können. Dieses Jahr wurde (Sifu) Marcus Schüssler dazu eingeladen, über die Kampfkunst Wing Tsun zu referieren bzw. vorzustellen.

Das Team von unterstützenden Ausbildern wurde im Vorfeld zusammengestellt, damit die einzelnen Teilnehmergruppen stets auf einen Ansprechpartner bei den Übungen zugreifen können sollen. Um pünktlich 15:00 Uhr grüßten der Leiter des Verbandes, Günther Tebbe, und sein Assistent die Lehrgangsteilnehmer an und übergaben nach kurzen Worten den Lehrgang an Marcus Schüssler. Von ihm erhielten die Lehrgangsteilnehmer eine kurze persönliche Vorstellung als auch von jedem seiner Assistenten und deren Kampfkunsthintergrund.

(Sifu) Marcus Schüssler mit Günther Tebbe
 
Im Vorfeld zum Lehrgang wurde seitens Marcus Schüssler gebeten, dass Jacken und Gürtel gar nicht erst angelegt werden sollten. Damit sollte vermieden werden, dass kein Teilnehmer sich aufgrund eines Gürtelrangs während des Lehrgangs benachteiligt fühlen sollte. Zusätzlich wurde auch vom Referententeam keine verbandstypische Kleidung getragen. Um nun die gesamte Lehrgangsteilnehmerschaft aufeinander einzustimmen, wurden einfache Dynamikübungen in mehreren gemischten Gruppen durchgeführt. Diese einfachen Übungen verfolgten gleichzeitig auch das Ziel, jedem Teilnehmer eine neue körperliche Erfahrung und auch Vorstellung des Begriffes Dynamik zu geben. Durch diese Dynamik wurden auch die Teilnehmer mit einem neuen Verständnis für den Begriff Gleichgewicht konfrontiert. Ein Teilnehmer äußerte schon nach wenigen Minuten Marcus Schüssler gegenüber: “und ich dachte eigentlich von mir, ich wäre dynamisch…“
 
 
Nach diesen 30 Minuten praktischer Arbeit wurden die Teilnehmer gebeten, sich bequem für die nun folgende Darstellung der theoretischen Grundlagen zu setzen. Es wurden Dinge wie visuelle Wahrnehmung und deren Informationsverarbeitungsprozesse sowie die darin begründeten Risiken erklärt, um den Teilnehmern eine Idee darüber zu geben, dass alle Menschen sich der gleichen Mechanismen bedienen müssen. Da diese Mechanismen aber mit Risiken verbunden sind, wurde dann in der gemeinsamen Arbeit in logischer Abfolge die Strategie der zentralen Kampflinie erlernt. Diese auf Kontakt basierende Informationsverarbeitung war für die Teilnehmer neuer und wie die Tatsache der Möglichkeit eines ‚logischen Lösungsansatzes‘. Diese 60 minütige theoretische Grundeinweisung, die Begrifflichkeiten wie Risikoanalyse, Ressourcenplanung, etc. umfassten, stellte für Marcus Schüssler vor eine unerwartete schnell erschöpfte Aufnahmebereitschaft, da die Teilnehmer solch ein Lehrgangskonzept nicht kannten.
 
Bei der Erarbeitung der Theorie
 
Ausbilder Martin Gebert (Essen) formulierte seine Beobachtungen dazu folgendermaßen: …man merkte allerdings, dass der Theorieteil lang war, da die Konzentration gegen Ende bei vielen nachließ. Ich hatte den Eindruck, dass viele zu dem Lehrgang gekommen sind, um ein paar Techniken zu lernen, um sie dann in ihr System einfließen zu lassen, dann aber merkten das Wing Tsun aufgebaut ist…. Und Ausbilder Peter (Essen) Kuschmierz formulierte dies teilweise so: einige Teilnehmer hatten nicht den Schimmer, wohin der Lehrgang hingehen sollte. Ganz am Ende sagten mir 3 Teilnehmer, wenn man die praktische Umsetzung (nach der Veranstaltung) am Anfang gezeigt hätte, wäre eine größere Konzentration dagewesen. Ich glaube dass die meisten überfordert waren. Bei so einem komplexen, fast wissenschaftlichen Vorgehen sollte man…

Ein Teilnehmer brachte die Erschöpfung seiner Konzentration über seinen Zwischenkommentar zum Ausdruck, dass er die Körperarbeit wieder in den Vordergrund gestellt haben wollte. Zum diesem Zeitpunkt war die Theoriearbeit schon zu 99% in sich schlüssig dargelegt, so dass die Theoriearbeit die erste praktische Übung hervorbrachte: die Erfahrungen und Arbeit mit dem Keil gegen einen geraden, unter Trefferabsicht zur Nase geschlagenen Fauststoßes. Diese Übung wurde ca. 20-30 Minuten durchgeführt, worauf mit der Beendigung direkt die Pause eingeläutet wurde.
 
Bei der 'Keilarbeit'
 
In der Pause konnten sich die Teilnehmer am Grill oder an der Kuchentheke verköstigen und die bisherigen neuen Erfahrungen mit ihren Trainingskollegen, Trainingsfreunden oder anderen noch nicht bekannten Lehrgangsteilnehmern erörtern. Pünktlich um 16:30 Uhr begann die zweite, nun körperlich intensive Lehrgangseinheit. Die Lehrgangsteilnehmer erhielten immer wieder neue einfache, aber immer auf der jeweiligen Vorstufe aufbauende neue Übungen, die die Theoriearbeit der ersten Lehrgangseinheit in der praktischen Umsetzung schlüssig machten. Die erneute Ungeduld einiger Lehrgangsteilnehmer wurde dadurch deutlich, dass Marcus Schüssler immer wieder nach der Umsetzung der für die Teilnehmer natürlich fremdartig wirkenden Übungen innerhalb der Selbstverteidigung gefragt wurde. Als kurze prägnante Antwort wurde jedem, der diese Frage gestellt hatte verdeutlicht, dass die Übung am Ende des Lehrgangs alle Fragen in dieser Richtung komplett beantworten wird.

Und genauso geschah es auch: die abschließende Übung wurde zuerst von zwei Teilnehmern demonstriert, wobei einer der beiden auch einer derjenigen war, der genau diese Frage gestellt hatte. Er sollte seinen Partner vor den Blicken aller Teilnehmer mit einem geraden Fauststoß – nicht abgesprochen, nicht choreografiert, mit Trefferabsicht, ohne Schutzausrüstung – im Gesicht treffen, wobei dieser einfach nur die Universalstrategie des Wing Tsun mit dem lebendigen Keil umsetzte, währenddessen bei ihm noch nicht einmal Anzeichen von Stress bemerkbar wurden. Der Angreifer zeigte absolute Motivation zu treffen (was die Teilnehmer sahen und auch sichtlich beeindruckte), und man erkannte, dass mit jedem weiteren Angriffsversuch seine Motivation immer mehr in Enttäuschung des Nichterfolgs umschlug. Die gezeigte Leistung wurde von allen Teilnehmern mit Applaus bedacht. Zwei andere Teilnehmer demonstrierten anschließend den gleichen Übungsansatz, wobei allerdings der Angreifer sogar versuchte, Kombinationen des geraden Fauststoßes ins Ziel zu bringen. Dies schaffte er auch nicht worauf auch diese beiden Teilnehmer sofort mit großem Applaus bedacht wurden.
 
Die beiden 'Fighter' bei der Demonstration der Arbeitsergebnisse
 
Diese von den Teilnehmern für die anderen Teilnehmer demonstrierten Arbeitsergebnisse wurden sofort von allen bestätigt und schlussendlich anerkannt, so wie sich auch die Frage zur Umsetzbarkeit der gesamten Übungen in Luft aufgelöst hatte, als Marcus Schüssler noch einmal den kompletten Lehrgangsverlauf für alle Teilnehmer rekapitulierte.
Pünktlich um 18:00 Uhr wurde der Lehrgang durch den Verbandsleiter Günter Tebbe und seinem Assistenten abgegrüßt und das obligatorische Lehrgangsfoto geschossen. Auf Nachfrage hatten einige Teilnehmer noch den Wunsch, etwas mehr von der Dynamik des Wing Tsun demonstriert zu bekommen. Marcus Schüssler erklärte den Teilnehmern dazu, dass eine Demonstration das schlechteste Mittel für eine nachhaltige Darstellung des Wing Tsun ist, da immer eine Person diejenige ist, die Dynamik vorbringt und die andere, die Dynamik erleiden muss, was auch sehr oft mit nicht unerheblichen Verletzungspotenzial verbunden ist – wenn es realistisch sein soll.
Weiterhin erklärte er den Teilnehmern, dass das Konzept, was sie an diesem Tag selbst erarbeitet haben, das einzige ist, welches den Teilnehmern eine nachhaltige Selbsterfahrung der Logik bietet. Um aber dem Wunsch der Teilnehmer auf eine Art und Weise entgegenzukommen, die mehr der medialen Projektion der Allgemeinheit entspricht, demonstrierte Marcus Schüssler mit Ausbilder Markus Renzmann (Oberhausen) so genannte Geschwindigkeits- oder Intensitätsprofile. Einfach übersetzt bedeutet dies, dass er den Teilnehmern demonstriert, wie man den eigenen Körper in einen hohen dynamischen Zustand versetzt, so dass das Auge dem Geschehen nicht mehr folgen kann und die auftreffende Energie deutlich durch das Aufeinanderprallen der Körperteile durch das Gleichgewichtsverhalten von Markus Renzmann sichtbar wurde. Die dabei kurzen aber prägnanten weiteren Ausführungen von Marcus Schüssler verband er wieder mit den theoretischen Ausführungen der ersten Lehrgangseinheit, was dann allen Anwesenden sofort noch mehr Klarheit und Einfühlungsvermögen für die tatsächliche Komplexität einer logischen Struktur gab.
Die direkte Rückmeldung nach dem Lehrgang mit der höchsten Aussagekraft war die folgende: der Teilnehmer der ersten Paarung, die das Arbeitsergebnisses Lehrgangs vor allen Anwesenden demonstriert hatte und dabei die Angreifer Position innehatte, hatte ja im Vorfeld mehrfach kritisch die Umsätze der einzelnen Übungen in der Selbstverteidigung als Frage in den Raum gestellt. Im anschließenden direkten Gespräch nach Lehrgangsende wurde diesem Teilnehmer vor den Anwesenden die Nachfrage der Bewertung der letzten Übung in im Hinblick auf seine eigene Fragestellung gestellt. Man konnte feststellen, dass er mit Nachdruck zu verstehen gab, dass er durch die körperliche Umsetzung der letzten Übung alle vorherigen Übungen mental verstanden hatte und seine kritische Nachfrage zur Umsetzung in der Selbstverteidigung sich dadurch selbst beantwortet hatte. Trotz der für die Teilnehmer ungewohnten und anstrengenden Theoriearbeit setzte dennoch jeder einzelne Teilnehmer diese Sachverhalte in der zweiten Einheit durch seine praktische Arbeit für sich um. Was den Teilnehmern zu einer komplett neuen Idee eines Lehrgangskonzeptes verhalf, bei der sich schlüssige theoretische Grundlagen durch die eigene praktische Umsetzung von den Teilnehmern selbst überprüfen lassen.
Das Ausbilderteam v.l.: Martin Gebert, Dominik Stapelberg, Peter Kuschmierz, Bernd Bähring
Ausbilder Bernd Bähring (Velbert) fasste seine gesamten Eindrücke wie folgt zusammen: Meine Eindrücke über den Lehrgang in Herne sind bei mir recht positiv ausgefallen. Mir ist mal wieder bewusst geworden, dass man selbst eine große Gruppe von scheinbar ‚eingefleischten‘ Kampfsportlern, die an ihren bisherigen Erfahrungen (System) festhalten – was überhaupt nicht negativ gemeint ist - durch einfache logische und stilunabhängige Fakten zum Nachdenken bringen kann. Viel wichtiger hierbei ist zu sagen, das man durch das Zerstückeln der Thematik, in dem ich wirklich bei dem einmaleins anfange und nicht direkt in der höheren Mathematik, viel schnellere positive Ergebnisse bekomme, da sich alle nur auf die eine kleine Sache konzentrieren, und somit die meisten, auf einen Nenner kommen, bzw. die Logik dahinter schneller verstehen. In den körperlichen Übungen hatte ich das Gefühl, das sich viele schwer taten, nicht weil sie die Übungen nicht verstanden oder nicht richtig umsetzten, sondern immer die Frage in den Gesichtern der Teilnehmer stand: "Wann kommt denn mal ein bisschen Action?", oder "Wofür mach ich diese Übung überhaupt?". Gerade für mich war an dieser Stelle klar, dass es ohne gewisse Hilfestellungen und Erklärungen, nicht geht. Man konnte direkt merken, wenn man den Teilnehmern, die Übung nochmal erklärte und worauf sie zu achten hatten, sie die Übung etwas intensiver durchführten, um das Ziel der Übungen zu erreichen. Das gewisse kleine Grinsen in den Gesichtern der Ausführenden, war den Leuten nach dem gewissen Erfolgserlebnis natürlich direkt anzusehen. Bei vielen war es natürlich auch der sogenannte Aha-Effekt: Ich hab´s verstanden und jetzt setz ich es richtig an. Einigen musste man ein wenig mehr zeigen, dass man nur mit ein wenig mehr Intensität bzw. den eigenen Willen, die Sache mehr durchzuziehen, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen. Gerade bei den Jugendlichen und den Teilnehmern mittleren Alters, war die Offenheit des gesamten Lehrgangs mehr anzusehen, als bei den Älteren, da Ihnen eventuell die gewisse Offenheit gegenüber einer reinen, auf Logik aufgebauten Selbstverteidigung fehlte.

Nichtsdestotrotz, auch wenn nicht alle nur allein von der reinen Logik der Übungen und der daraus resultierenden Ergebnisse überzeugt waren, war dieser Lehrgang doch ein positiver Schritt nach vorne. Denn ob man nun zehn, oder nur einen von dreißig Teilnehmern dazu bewegt hat, über das gesamte nachzudenken, werden oder wird die Personen oder Person sich mehr damit befassen und vielleicht mehr Leute in seinen Interessen-Bereich mitziehen und neugierig machen. Für mich war dieser Lehrgang mal wieder der Beweis dafür, dass wir alle gleich sind, es nirgends Geheimnisse gibt und wir alle unsere Stärken und Schwächen haben und nur durch gewisse Zusammenarbeit, das Ziel erreichen. Wir sollten nie vergessen, dass wir alle nur zwei Arme und zwei Beine haben und wir nur durch ein auf Logik basiertes System, uns zu schützen wissen und uns aus Gefahrensituationen befreien können.

Hier die Eindrücke von Ausbilder Dominik Stapelberg (Bochum): Nach freundlicher Begrüßung des Vorsitzenden begann um 14:00 der Lehrgang. Ca. 40 Teilnehmer waren anwesend, die Gruppe war bunt gemischt, das heißt sie bestand aus Jugendlichen, Frauen und Männern im Alter zwischen 16 und Mitte 50. Sisuk Marcus begann mit einer Übung die den Teilnehmern schon im Ansatz die Energie des Keils bzw. eines Geschosses/ einer Kugel vermitteln sollte. Den Beteiligten war dies zu dem Zeitpunkt jedoch noch nicht klar. Danach folgte ein ausführlicher Theorieteil in dem eine Basis der gemeinsamen Kommunikation geschaffen wurde. Von hier aus ging es nahtlos in das Erarbeiten des bewährten Grundkonzepts. Die Teilnehmer waren sehr motiviert und engagiert. Nach intensiven 4 Stunden endete der Lehrgang um 18:00. Zum Abschluss zeigte Sisuk Marcus noch eine kurze praktische Umsetzung des zuvor Erlernten mit dem Schwerpunkt Geschwindigkeit. Im Anschluss gab es vor der Trainingsstätte noch einige Fragen von sehr wissbegierigen Teilnehmern, die Sisuk Marcus in den darauffolgenden 80 Minuten stets mit dem Verweis auf das zuvor erklärte beantwortete.