Bericht über das kostenlose Infoseminar

Samstag, 23.02.2013 – es ist 14.30 und die Tür öffnet sich. Schneeluft schleicht sich als erstes in den Eingang, dann kommen die ersten Teilnehmer herein. Der Titel des Seminars, welches in dieser Art der Durchführung noch nie realisiert wurde trug den Titel – „Kostenloses Infoseminar über die Machbarkeit Messerabwehr/ Schusswaffenabwehr“. Der Titel wurde durch den Begriff „Machbarkeit“ bewusst fraglich ausgedrückt, das Format bewusst „kostenlos“ gewählt, die Teilnahme bewusst offen angekündigt und um falsches Ego vor der Tür zu lassen, nur neutrale Bekleidung gewünscht.
Hier nochmal kurz die Ausschreibung:

Am 23. Februar 2013 ab 15h findet im IUEWT-Schulungszentrum ein kostenloses Infoseminar statt, welches über die Unmöglichkeit Messerabwehr/ Schusswaffenabwehr handelt.

Es gibt einen theoretischen und einen praktischen Teil. Besonders im praktischen Teil wird vermittelt, wie mit einfachen Methoden mit einem Messer oder einer Schusswaffe bewaffnet einen trainierten Angreifer verletzen könnte, so dass die Teilnehmer durch die Selbstreflektion ihres eigenen Verhaltens in beiden Rollen (bewaffnet und unbewaffnet) Rückschlüsse auf die generelle Machbarkeit von sog. ‚Messer- oder Schusswaffenentwaffnungen‘ machen können.

Gerade hierzu laden wir zahlreich Experten aus anderen Systemen ein, die mit Ihrer Erfahrung beisteuern können und den Teilnehmern anhand scharfer Waffen demonstrieren können, welche lebensbedrohlichen Probleme durch nicht gestellte Situationen mit einem unbekannten bewaffneten Angreifer entstehen und dazu Fragen diskutieren.

Dieses Infoseminar soll dafür sensibilisieren, dass die Physik solch einschneidende Einwirkungen haben kann, dass wir Menschen bei kompromisslosem Gebrauch dem hilflos ausgesetzt sind! Denn sonst hätten unsere Vorfahren keine Waffen erfinden brauchen, die körperliche Vorteile ultimativ ausgleichen. Wer kann schon in den Kopf des anderen schauen und seine Kompromisslosigkeit erkennen? Und um die Kompromisslosigkeit zu erfahren ist die Aufgabe des Seminars...und dann anschließend für sich selber zu reflektieren, ob diese Kompromisslosigkeit überhaupt zu bewältigen ist, ist sie einmal losgelassen....

Die Gelegenheit für alle, die sich über die Machbarkeit von Messer- und Schusswaffenabwehren informieren wollen!

An alle Teilnehmer: Bitte nur in neutraler Trainingsbekleidung oder bequemer Alltagsbekleidung erscheinen. Wichtig!
 
Für gewöhnlich werden bei dieser Art von Seminaren ausschließlich Techniken und Situationen geübt, die der Teilnehmer dann zuhause vertiefen kann, um auch beim nächsten Mal weitere Techniken, Folgentechniken oder neue Situationen lernen zu können.

Das Infoseminar von Marcus Schüssler hatte eine ganz andere Zielsetzung: alle Teilnehmer sollten sich durch gemeinsame Diskussionsarbeit mit grundlegenden Begriffen und Gesetzmäßigkeiten der Physik, Logik und Psychologie zuerst mental auseinandersetzen, um die tatsächlichen Grenzen ihrer selbst als auch eines jeden anderen Menschen zu verstehen und zu akzeptieren – sozusagen um die gleiche Sprache zu sprechen, die gleichen rationalen Vorrausetzungen zu haben.
Dies was auch der Grund für das Format „kostenlos“, denn dies sind in dem Sinne keine Lehrinhalte, sondern Inhalte einer seriösen Beratung von Interessierten oder Aktiven, die verstehen müssen, dass es ohne eigene angemessene Bewaffnung waffenlos keinen ausreichenden Schutz gibt bzw. die waffenlose Selbstverteidigung vor unüberwindbaren Grenzen steht, vor allem, wenn die Parameter der Physik und die Parameter der Psyche des Angreifers sehr unvorteilhaft für das Opfer zusammentreffen.

Wiederum bedeutet dies auch, dass hierbei Dinge durchgesprochen werden müssen, die auf solchen Seminaren sonst nie angesprochen werden, da sie ein technisch orientiertes Training für Waffenabwehren durch waffenlose Techniken nur noch absurd erscheinen lassen (Anmerkung: wenn solche Themen nur kurz angetastet werden, um dem Teilnehmer ein Hauch von Realität zu gewähren, dann ist sogar grob fahrlässig, wenn trotzdem ein technisch orientiertes Training durchgeführt wird, welches keiner sachlich umfassenden Analyse standhalten kann und im Ernstfall sogar kontraproduktiv sein kann).
Trotz des wiederholten Wintereinbruchs fanden sich fast 40 Teilnehmer ein, einige davon auch von 2 Autostunden entfernt. Pünktlich um 15h begann das Infoseminar mit der Vorstellung des Referenten/Presenter/Moderator (Sifu/Master) Marcus Schüssler.

Da die Teilnehmer – wie schon erwähnt – offen eingeladen wurden, fragte Marcus Schüssler zuerst einmal die Motive und Erwartungshaltungen der Teilnehmer ab, mit denen sie zu dem Infoseminar gekommen waren, um diese dann zu einem Katalog zu komprimieren.

 
 
Hierbei war ein Punkt sehr bemerkenswert, welcher auch das Triebmotiv für Lehrmethoden von waffenlosen Techniken gegen bewaffnete Angriffe darstellt (Dank an dieser Stelle an Rolf):

„Moralischer Anspruch an gesellschaftliches Verhalten contra Realität“ oder emotionaler ausgedrückt: „wenn so eine Situation stattfindet, ich muss doch etwas machen können….ich kann das doch nicht einfach zulassen….ich muss doch jetzt etwas machen“. Dieser Punkt ist generell sehr schwierig, denn die menschliche Psyche hat Angst um das eine (!) Leben (Dank an dieser Stelle an Thomas) und wir brauchen für alles eine Lösung, um dieses eine Leben zu wahren.

Nach Abschluss dieser Phase ging es direkt in die Diskussionsarbeit für Zieldefinitionen von physikalischen, logischen und psychologischen Grundbegriffen und deren Bedeutung. Begriffe wie System Mensch/Waffe, Schwerkraft, Massenträgheit, Verhältnis Geschwindigkeit/Energie, Reflex als nicht steuerbare Größe, die Einflussgröße menschlicher Psyche (Eskalationsgrade, Intensitätsgrade, Kompromisslosigkeit, Gewaltbereitschaft, Aggressivität), Kategorien der Fähigkeiten Laie/Amateur/Profi, Stress als Störfaktor, Visuelle Wahrnehmung und Informationsverarbeitungsprozesse, Verhältnisse Risiko/Sicherheit wurden ausführlich gemeinsam diskutiert und anschließend definitionsgemäß als verstanden vereinbart. Dabei wurden auch kurze übungen mit einfachsten Hilfsmitteln wie z.B. Spielbällen durchgeführt, um die Gesetzmäßigkeit der Grundlagen den Teilnehmern auch plastisch besser verdeutlichen zu können. Bei dieser Grundlagendefinitionsarbeit fiel auf, wie teilweise die eigene Anwendung von sprachlichen Mitteln das richtige Verständnis mancher Teilnehmer verhinderte, dies aber immer erst richtig gestellt wurde bevor zum nächsten Arbeitsschritt übergegangen wurde.
 
 
Die Teilnehmer erkennen für sich den Einfluß der Schwerkraft und können dies körperlich nachvollziehen


 
Die Teilnehmer erproben diverse Effekte von psychologischen Grundeinstellungen
 

 
 
Marcus Schüssler erläutert den Effekt der visuellen Wahrnehmung und den damit unabdingbar verbundenen Informationsverarbeitungsprozeß
Nach einer kurzen Pause sollte es in den ersten großen Waffenbereich – die Schusswaffen - gehen. Als Einstieg wurden aber kurz folgende Fragen abgehandelt:

a) Warum überhaupt Waffen b) Welche Arten von Waffen c) Wer ist der Täter – die Waffe oder der Nutzer dahinter? d) Welcher Energieeinsatz ist für welche Waffe notwendig?

Danach wurde hauptsächlich die Handfeuerwaffe diskutiert. Zuerst wurde der Unterschied der zwei verschiedenen Arten – Pistole und Revolver erklärt, um ein Grundverständnis herzustellen. Definitionen wie Geschoßgeschwindigkeiten, Abzugsgewicht, Eigenmasse des Körpers und Beschleunigung gegen die Massenträgheit und Distanz wurde einzeln erarbeitet und dann in einen Zusammenhang gesetzt, der die realen Grenzen der menschlichen Fähigkeiten contra Schusswaffe schnell verdeutlicht hatte. Um den Faktor Stress wirksam zu verdeutlichen, bat Marcus Schüssler einen Teilnehmer, der zufälligerweise auch eine sehr beeindruckende Physis hatte, zu einer Partnerübung. Marcus Schüssler stellte sich in eine Bedrohungsposition direkt vor dem Teilnehmer in einer Distanz von ca. 2m auf. Nun hatte der Teilnehmer die Aufgabe, die Waffe zumindest auszulenken oder sogar abzunehmen. In dem Moment, wo er sich in Bewegung setzte und nach vorne schnellte, gab es eine Riesenknall und der Teilnehmer zuckte nur in sich zusammen, wie auch viele andere Teilnehmer, die weiter weg saßen. Marcus Schüssler hatte eine Schreckschusspistole benutzt, die dazu diente, die Wirkung des Knalls auf die Handlung Verteidigers ohne jede weitere Diskussion nötig und möglich zu demonstrieren. Im Anschluss an dieses Erlebnis wurde jedem Teilnehmer klar, dass die Abwehr gegen eine Schusswaffe ein Unterfangen ist, welches kaum Chancen auf Erfolg bietet – eigentlich nur wenn der Anwender die Waffe gegen sich selbst richtet und der Verteidiger diese Möglichkeit nutzt. Auch die Tatsache, dass kleine Mädchen die gleiche Wirkung mit einer Schusswaffe erzielen kann wie ein erwachsener Mensch hinterließ viele (gute) Selbstzweifel bei den Teilnehmern.

Nach dem eindrucksvollen Abschluss des Themas Schusswaffen ging es zu Messern. Es wurden als Einleitung kurz die verschiedenen Formen von Messer-/Klingenwaffen erklärt. Danach wurden gemeinsam die Effektivitätspotentiale erarbeitet, die ein Messer bietet. In einem praktischen Versuch wurde dann die psychologische Reaktion demonstriert, die entsteht, wenn plötzlich anstatt einem Trainingsmesser ein echtes Messer eingesetzt wird. Diese Demonstration machte den Anwesenden deutlich, dass die Einstudierung und die Tatsache eines Trainingsmessers, welches den normalen Respekt vor der Waffe abstumpft, im Ernstfall zu einem psychologischen Supergau führen kann und auch wird. In diesem Zusammenhang berichtete ein Teilnehmer (Dank an dieser Stelle an Jörg) über ein Video einer Überwachungskamera aus den USA, bei dem ein Räuber ein Geschäft überfallt, in dem zufälligerweise eine Polizist anwesend ist. Der Polizist schafft es, den Räuber zu entwaffnen wird aber von seiner eigenen Trainingsroutine und seinem Unterbewußtsein wieder eingeholt: anstatt die Waffe in den Händen zu halten, gibt er die Waffe an den Räuber zurück – gemäß dem Training die Übung wieder neu zu starten!
In diesem Zusammenhang gebührt Hanshin Hermann Harms (http://www.jutsu-akademie-harms.de) aus Gelsenkirchen großer Dank an dieser Stelle an für seine Worte vor allen Anwesenden. Zitat: „wenn ich vor meinen Schülern stehe und ich gefragt werde, was passiert wenn ich vor solch einer Bedrohung stehe, dann mache ich mir wohl zuerst in die Hose...ich überlasse dieses Thema gerne den Personen, die sich beruflich damit auseinander setzen. Ich als Zivilist habe dafür keine Patentlösung.“

Eine der abschließenden Fragen an Marcus Schüssler - trotz der durch mehrere Stunden Aufwand rational und allgemein von den Teilnehmern bestätigten Arbeitsergebnisse - gegen Ende des Seminars war: „ wenn ich in einer Situation stecke, wo ich von einem bewaffneten Angreifer bedroht werde und nicht fliehen kann, was würdest Du mir raten?“ „wenn keinen Ausweg mehr habe, was empfiehlst Du mir?“ Die banale Antwort: „Ihr kennt ab heute die Grundlagen der Physik, der Psychologie und der Logik, Ihr habt heute gelernt, dass diese Grundlagen für jeden Menschen gleich sind und kein Mensch in der Lage ist, diese Grundlagen zu brechen oder zu verbiegen. Ich kenne diese Grundlagen schon seit Jahrzehnten und arbeite danach.
Was Ihr nicht kennen könnt, das sind die Variablen der Situation (welche Umgebung, welche Waffe, welcher Mensch), in die Ihr kommt. Wenn Ihr die Variablen kennen würdet, dann könntet Ihr die Lottozahlen vorhersagen und währet Milliardäre. Ihr und ich seid keine, also können wir auch nicht voraussagen, was uns erwartet, wir haben also keine Vorabinformationen, uns entsprechend in Sekundenbruchteilen extrem gut vorzubereiten. Daraus lässt sich einfach und logisch ableiten, dass ich Euch keine Empfehlung, keinen Rat und keine Technik dafür unterrichten kann – das gebietet die Ethik eines seriösen Lehrers! Jeder andere, der solche Dinge unterrichtet ohne dabei die Grundlagen eingehend genauso in Betracht zu ziehen, wie wir es heute gemacht haben, handelt unseriös, eher schon vorsätzlich sträflich fährlässig, denn er würde seine Technikunterweisung selbst als nicht machbar bewerten müssen. Leider ist derjenige, der dann falsch durch fehlerhafte Grundlagen „unterwiesen“ wird, der Schüler. Und kein Lehrer kann sich heute rausreden, er habe keine Ahnung von Grundlagen, denn der Informationszugriff durch Medien wie Internet, etc. ist transparent und offen. Vor allem auf die Grundlagen der Wissenschaften. Dies ist mein Statement/meine Aussage!“

Zum Abschluss wurde allen Teilnehmern klar, dass ein solches Lehrgangsformat als auch das Thema an sich nur als kostenlose Infoveranstaltung durchgeführt werden kann, denn es gibt keine verlässlichen Schutz gegen solch eine Bedrohung, es gibt also nichts zu unterrichten, was einen Wert darstellt! Ansonsten hätten sich Generationen von Menschen Gedanken über die Wirksamkeit von solchen Waffen gemacht, die dann heute nutzlos wären. Oder mit den Worten von Marcus Schüssler an diesem Tag: wer eine absolut verlässliche waffenlose Technik oder Strategie gegen Waffen hat – entweder sitzt er im Kerker der Waffenlobby eingesperrt oder er ist bereits Milliardär!
Rückmeldung Hermann Harms am nächsten Tag per Email:

Lieber Markus

Danke für die umfangreichen Informationen. Ich werde gerne eine weitere Gelegenheit ergreifen um Dir zuzuhören. Ich bin ein Ruhrgebietsmensch und bin in meiner Redensart etwas schlichter, da lerne ich gerne noch etwas dazu. Wie Du auf meinen Webseiten gesehen hast, bin ich in Sachen Kampfkunst auch viel unterwegs. Die Selbstdarstellung ist nicht mein Ding und ich beurteile keine Systeme. Deshalb kann ich Stil-übergreifend unterrichten, weil ich niemand das Gefühl gebe, dass ich ihn nicht akzeptiere. So wie Du,- unterrichte (zeige und erkläre) ich- und überlasse die Beurteilung anderen.

Nochmals danke, wünsche Dir einen schönen Sonntag und freue mich auf ein gesundes Wiedersehen.
Liebe Grüße

Hermann