Seit 30 Jahren setzen wir Maßstäbe in der WingTsun und Escrima Ausbildung!
| Links | Kontakt | Impressum |
Risiken der Selbstverteidigung gegen 
Schußwaffenbedrohungen

Auszug aus
Selbstverteidigungslogik in 120 Minuten in Theorie & Praxis
Band I: Die Logik der Selbstverteidigungskunst Wing Tsun

Viele Selbstverteidigungsschulen werben mit Unterricht zur Kontrolle einer Schusswaffenbedrohung oder sogar zur Entwaffnung eines Täters. Das soll suggerieren, dieses Training ermögliche, jede Gefahrensituation, selbst Schusswaffenangriffe, zu beherrschen. Einfache Selbstverteidigung durch Faust- oder Fußtrittangriffe seien dann keine Schwierigkeit mehr.

Vor der Hinwendung zu den physikalischen Fakten einer Schusswaffenbedrohung wollen wir kurz die geschichtliche Entwicklung der menschlichen Waffen betrachen.

Vor der Erfindung des Schwarzpulvers und der Schusswaffen verfügte der Mensch über ein breites Spektrum an Hieb- und Stichwaffen. Mit ihnen konnte er sich im Kampf durch geschickten Einsatz einen Vorteil oder einen Ausgleich verschaffen. Das Repertoire reichte von Kurz- bis Langwaffen, von einseitigen und mehrseitigen Schneidwaffen in unterschiedlichen Längen und Gewichten. Diese Waffen wurden je nach Einsatzgebiet, Wirkungsweise und Vorlieben ausgewählt oder angefertigt.

So findet man in allen Regionen der Welt die unterschiedlichsten geschichtlichen und vorgeschichtlichen Waffengegenstände. Von Material und Gestalt sind sind sie sehr verschieden, aber alle haben gemeinsam, dass sie von Menschenhand bewegt werden müssen, um ihre Wirkung zu entfalten. Der Mensch regelt ihre Dynamik durch seine natürlichen körperlichen Anlagen. Über die Jahrhun-derte hat er seinen Umgang mit Waffen immer weiter entwickelt. Er verfeinerte seine Bewegungen und verlieh dem System Mensch /Waffe eine immer höhere Wirksamkeit und damit eine immer grö-ßere Bedrohlichkeit. Mit der Beherrschung einer Waffe war es ihm auch möglich, überlegene körperliche Eigenschaften eines poten-tiellen Angreifers auszugleichen. Mit Waffen konnte er den Kampf auf gleicher Augenhöhe führen!

Jeder, der eine Waffe trägt und beherrscht, strahlt Bedrohung aus. Auch ohne die Absicht, die Waffe anzuwenden, schafft er sich einen vorsorglichen Ausgleich gegenüber einem ihm überlegenen Angreifer.

Die Entwicklung des Schwarzpulvers und der Schusswaffen schuf ganz neue Möglichkeiten. Musste der Mensch vorher mit erheblichem körperlichem Einsatz der Waffe Wirkung verschaffen, so genügt es seit der Entwicklung der Feuerwaffen, eine Explosion einzuleiten. Den Rest übernehmen die Geschwindigkeit des Projektils und die entsprechende Zielansteuerung. Dies bedeutet, jeder Mensch kann, da er nur noch einen geringen körperlichen Anteil zum Einsatz einer Schusswaffe leisten muss, – unabhängig von seinem Alter, seinem Geschlecht, seiner Größe, etc. – eine Schusswaffe einsetzen und jeden anderen körperlich noch so überlegenen Menschen damit bedrohen. Im Extremfall kann also ein 40 kg schweres zehnjähriges Mädchen einen ausgewachsenen 130 kg schweren fünfzigjährigen Mann folgenschwer verletzen.

Was bedeutet das genau im Fall einer waffenlosen Verteidigung gegen einen Angreifer mit Schusswaffe, wie es viele Selbstverteidigungsschulen demonstrieren?

Ein Projektil mittleren Kalibers (9 mm) hat eine durchschnittliche Geschwindigkeit von über 300 Metern pro Sekunde, was einer umgerechneten Geschwindigkeit von circa 1080 km/h entspricht. 1080 km/h ist die dreifache Geschwindigkeit der meisten Hochgeschwindigkeitszüge oder der Schallgeschwindigkeit!

Verschiedene Geschwindigkeiten in m/s umgerechnet in km/h:

<tbody>140

m/s

entspricht

504

Km/h



150

m/s

entspricht

540

Km/h



160

m/s

entspricht

576

Km/h



170

m/s

entspricht

612

Km/h



180

m/s

entspricht

648

Km/h



190

m/s

entspricht

684

Km/h



200

m/s

entspricht

720

Km/h



210

m/s

entspricht

756

Km/h



220

m/s

entspricht

792

Km/h



230

m/s

entspricht

828

Km/h



240

m/s

entspricht

864

Km/h



250

m/s

entspricht

900

Km/h



260

m/s

entspricht

936

Km/h



270

m/s

entspricht

972

Km/h



280

m/s

entspricht

1008

Km/h



290

m/s

entspricht

1044

Km/h



300

m/s

entspricht

1080

Km/h



310

m/s

entspricht

1116

Km/h



320

m/s

entspricht

1152

Km/h



14

m/s

entspricht

50

Km/h

Diabolo</tbody>

Beispiele v0 = direkt an der Laufmündung
gemessene Geschossgeschwindigkeit für verschiedene Kaliber:

<tbody>276

m/s

entspricht

993

Km/h

.32 Auto 71gr Winchester USA Full Metal Jacket

418

m/s

entspricht

1.504

Km/h

.357 Mag. 125gr Winchester WinClean Jacketed Soft Point

209

m/s

entspricht

752

Km/h

.38 S&W 145gr Winchester Super-X Lead Round Nose

259

m/s

entspricht

932

Km/h

.38 Special 125gr Winchester USA Jacketed Flat Point

236

m/s

entspricht

849

Km/h

.38 Special 125gr Winchester WinClean Jacketed Flat Point

216

m/s

entspricht

777

Km/h

.38 Special 148gr Winchester Super-X Lead Wad Cutter

258

m/s

entspricht

928

Km/h

.38 Special 150gr Winchester USA Lead Round Nose

291

m/s

entspricht

1047

Km/h

.380 Auto 95gr Winchester USA Full Metal Jacket

323

m/s

entspricht

1162

Km/h

.40 S&W 165gr WInchester USA Full Metal Jacket - Flat Nose

360

m/s

entspricht

1.296

Km/h

.44 Rem.Mag. 240gr Winchester Super-X Hollow Soft Point

255

m/s

entspricht

918

Km/h

.45 Auto 230gr Winchester USA Full Metal Jacket

267

m/s

entspricht

961

Km/h

.45 Auto 230gr Winchester WinClean Brass Enclosed Base

229

m/s

entspricht

824

Km/h

.45 Colt 250 gr. Winchester Lead Cowboy Action

363

m/s

entspricht

1.306

Km/h

9mm Luger 115gr Winchester USA Full Metal Jacket

363

m/s

entspricht

1.306

Km/h

9mm Luger 115gr Winchester WinClean Brass Enclosed Base</tbody>

Das Abzugsgewicht beträgt im ungespannten Zustand circa
2-5 kg. Im gespannten Zustand circa 1-2 kg.

Das Körpergewicht des Bedrohten/Verteidigers entscheidet über die Beschleunigung seines Körpers, denn je schwerer er ist, desto größer ist die Massenträgheitskraft, die er durch explosiven körperlichen Einsatz überwinden muss.

Die Goldene Regel für den Einsatz einer Faustfeuerwaffe lau-tet: Je größer die Distanz zwischen Faustfeuerwaffe und Ziel-person, desto größer ist die Sicherheit für den Schützen. Je mehr sich der Schütze der Zielperson nähert, desto mehr gibt er den Vorteil der Reichweite auf. Die Entfernung zwischen Faustfeuerwaffe und Zielperson ist also ein maßgebliches Kri-terium.

Der körperliche Einsatz zum Abfeuern einer Faustfeuerwaffe ist auf das Krümmen des Zeigefingers reduziert. Diese Bewegung ist minimal im Vergleich zum Aufwand einer möglichen Abwehr bzw. Entwaffnung. Das Auslösen des Schusses geschieht durch eine Explosion in der Patronenkammer, die das Projektil auf die oben angeführte Geschwindigkeit beschleunigt. Dieses Projektil fliegt nun mit der dreifachen Geschwindigkeit eines Hochgeschwindigkeitszuges auf die Zielperson zu.

Wenn also der Schütze die Zielperson bewusst nicht über eine ge-wisse Distanz an sich herankommen lässt und vorher den Schuss auslöst, kann man höchstens von einer Distanz von circa 2 m ausgehen. Die durchschnittliche Entfernung eines Faustfeuerkampfes beträgt circa 5 bis 10 m.

Hier eine kleine Übersicht von Trefferzeiten im Verhältnis zum Abstand:

Abstand

Geschwindigkeit

Sekunden bis zum Treffer

1

m

230

bedeutet

0,0043

(oder 4,3 Millisekunden)

2

m

230

bedeutet

0,0087

(oder 8,7 Millisekunden)

3

m

230

bedeutet

0,0130

(oder 13 Millisekunden)

Daraus folgt: Der unbewaffnete Bedrohte/Verteidiger müsste theoretisch seine Körpermasse (durchschnittlich 60 bis 80kg) deutlich schneller als die oben angeführten Trefferzeiten über die entspre-chende Distanz bewegen und dabei auch noch gleichzeitig die Waffe präzise unter Kontrolle bringen oder den Zeigefinger des Halters nachhaltig blockieren. Der Bedrohte/Verteidiger müsste danach mindestens 50% schneller sein als die oben angeführten Trefferzeiten, um die Kontrolle über die gegnerische Waffe auch sicher ausüben zu können. Noch einfacher ausgedrückt: Bevor sich der Zeigefinger überhaupt krümmen könnte, müssten Sie schon die Kontrolle über die Waffe/den Zeigefinger erlangt haben!

Um Ihnen ein wenig Gefühl für das Verhältnis Mensch/Zeit in Millisekunden zu geben, sei der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel zitiert: Ein Händedruck, ein Blick zurück, die Zeile eines Gedichts, ein Schluck Wein, all dies dauert ungefähr drei Sekun-den. Er begründet das damit, dass das Gehirn sich ungefähr alle drei Sekunden fragt „Was gibt es Neues in der Welt?“ Ein relativ neues Modell für Verarbeitungsprozesse im Gehirn ist das "liquid computing model". Im Gegensatz zu bisherigen theoretischen Mo-dellen geht es davon aus, dass das Gehirn nicht jede Information für sich in einem festen Zeittakt bearbeitet, sondern in kleinen Paketen, die aus ineinanderfließenden und sich auch überlagernden Informationen aus verschiedenen Zeitabschnitten bestehen. Nach eingehenden Untersuchungen dauern die Nervenreaktionen eines Menschen schon in der ersten Verarbeitungsstufe im Gehirn mehrere 100 Millisekunden, eine relativ lange Zeit. Man vermutet daher, dass neuronale Reaktionen auf Reize auch Informationen be-inhalten, die von einem vorhergehenden Reiz stammen, also schon auf eine Art von Erinnerung zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Informationsverarbeitung zugreifen (vgl. Nikolic, Häusler, Singer & Maass, 2009).

Hier ein kurzer Auszug von Dr. P. Natterer (Universität Trier Fachbereich I – Philosophie – http://www.paul-natterer.de) zum Thema Wahrnehmung:

[...Trotz heftiger Debatten herrscht heute in der Forschung weitestgehende Übereinstimmung hinsichtlich einer dualen Kodierung und Organisation mentaler Repräsentationen. Diese duale Kodierung umfasst einen anschaulichen, imaginativen Kode in Form von Bildern und einen begrifflich-abstrakten Kode in Form von Ideen und Wörtern.]

[....

· Neurophysiologisch lassen sich nun diese Kodierungsformate in genauer Unterscheidung nacheinander am Hirnstrombild (EEG) ablesen. Die Repräsentation der aktuellen Sinnesreize erfolgt von 0‑100 Millisekunden; die mentale Kodierung des zusammengesetzten Wahrnehmungsbildes erfolgt von 100‑300 Millisekunden; die begriffliche Enkodierung bei 400 Millisekunden.

· Wenn wir auf die Wahrnehmung auch unmittelbar reagieren wollen, etwa bei einem außer Kontrolle geratenen Kampfhund, dann werden die motorischen Reaktionsprogramme gleich anschließend bei 600‑800 Millisekunden formatiert. Denn auch das, was wir tun wollen, muss vorher mental geplant und entworfen, repräsentiert werden. ...]


Diese Ausführungen sollen zeigen: Jedes Projektil – ist es einmal in Bewegung gesetzt – fliegt schneller als wir wahrnehmen können. Um es also am Start zu hindern, muss der Zeigefinger des Schützen blockiert werden. Aufgrund der Geschwindigkeit ist dies unmöglich, sogar bei einem Abstand von nur ein bis zwei Metern.

Eine Alternative wäre, die Waffe/den Waffenarm aus der Ziellinie auszulenken, damit das erste Projektil am Ziel vorbei fliegt. Dies birgt jedoch die Gefahr, dass der Verteidiger durch den Knall und die Feuerentwicklung an der Mündungsöffnung den zweiten Schuss nicht mehr richtig wahrnehmen und deshalb verhindern kann. Sollten Sie gedanklich vorhaben, die Waffe seitlich auslenken zu wollen, dann stellen Sie sich auf einem Schießstand seitlich genau neben den Schützen und erleben den Druck, die Geräuschentwick-lung und die Mündungsfeuerentwicklung der Faustfeuerwaffe – aber ohne Gehörschutz!

Gehen Sie bitte bei allen oben genannten Ausführungen davon aus, dass Ihnen jemand gegenübersteht, der fest entschlossen ist, bei ent-sprechender Distanz die Faustfeuerwaffe gegen Sie einzusetzen – warum sonst sollte er sie für die Durchsetzung seiner Vorstellungen mitführen? Jeder andere Gedanke ist reine Mutmaßung und birgt deshalb unkalkulierbare Risiken!