Vor der Hinwendung zu den physikalischen Fakten einer
Schusswaffenbedrohung wollen wir kurz die geschichtliche Entwicklung der
menschlichen Waffen betrachen.
Vor der Erfindung des Schwarzpulvers und der Schusswaffen
verfügte der Mensch über ein breites Spektrum an Hieb- und Stichwaffen. Mit
ihnen konnte er sich im Kampf durch geschickten Einsatz einen Vorteil oder
einen Ausgleich verschaffen. Das Repertoire reichte von Kurz- bis Langwaffen,
von einseitigen und mehrseitigen Schneidwaffen in unterschiedlichen Längen und
Gewichten. Diese Waffen wurden je nach Einsatzgebiet, Wirkungsweise und
Vorlieben ausgewählt oder angefertigt.
So findet man in allen Regionen der Welt die
unterschiedlichsten geschichtlichen und
vorgeschichtlichen Waffengegenstände. Von Material und Gestalt sind sind
sie sehr verschieden, aber alle haben gemeinsam, dass sie von Menschenhand bewegt werden
müssen, um ihre Wirkung zu entfalten.
Der Mensch regelt ihre Dynamik durch
seine natürlichen körperlichen Anlagen. Über die Jahrhun-derte hat er
seinen Umgang mit Waffen immer weiter entwickelt. Er verfeinerte seine
Bewegungen und verlieh dem System Mensch /Waffe eine immer höhere Wirksamkeit
und damit eine immer grö-ßere Bedrohlichkeit. Mit der Beherrschung einer Waffe
war es ihm auch möglich, überlegene körperliche Eigenschaften eines poten-tiellen Angreifers auszugleichen. Mit Waffen
konnte er den Kampf auf gleicher
Augenhöhe führen!
Jeder, der eine Waffe trägt und beherrscht, strahlt Bedrohung
aus. Auch ohne die Absicht, die Waffe anzuwenden, schafft er sich einen
vorsorglichen Ausgleich gegenüber einem ihm überlegenen
Angreifer.
Die Entwicklung des
Schwarzpulvers und der Schusswaffen schuf ganz neue Möglichkeiten. Musste
der Mensch vorher mit erheblichem
körperlichem Einsatz der Waffe Wirkung verschaffen, so genügt es seit der
Entwicklung der Feuerwaffen, eine Explosion einzuleiten. Den Rest übernehmen die
Geschwindigkeit des Projektils und die entsprechende Zielansteuerung.
Dies bedeutet, jeder Mensch kann, da er nur
noch einen geringen körperlichen Anteil zum Einsatz einer Schusswaffe leisten muss, –
unabhängig von seinem Alter, seinem
Geschlecht, seiner Größe, etc. – eine Schusswaffe einsetzen und jeden
anderen körperlich noch so überlegenen Menschen damit bedrohen. Im Extremfall kann also ein 40 kg schweres
zehnjähriges Mädchen einen ausgewachsenen 130 kg schweren fünfzigjährigen Mann
folgenschwer verletzen.
Was bedeutet das genau im
Fall einer waffenlosen Verteidigung gegen einen Angreifer mit
Schusswaffe, wie es viele Selbstverteidigungsschulen
demonstrieren?
Ein Projektil mittleren Kalibers (9 mm) hat eine
durchschnittliche Geschwindigkeit von über 300 Metern pro Sekunde, was einer umgerechneten Geschwindigkeit von circa 1080
km/h entspricht. 1080 km/h ist die
dreifache Geschwindigkeit der meisten Hochgeschwindigkeitszüge oder der
Schallgeschwindigkeit!
Verschiedene Geschwindigkeiten in m/s umgerechnet in
km/h:
|
140 |
m/s |
entspricht |
504 |
Km/h |
|
|
150 |
m/s |
entspricht |
540 |
Km/h |
|
|
160 |
m/s |
entspricht |
576 |
Km/h |
|
|
170 |
m/s |
entspricht |
612 |
Km/h |
|
|
180 |
m/s |
entspricht |
648 |
Km/h |
|
|
190 |
m/s |
entspricht |
684 |
Km/h |
|
|
200 |
m/s |
entspricht |
720 |
Km/h |
|
|
210 |
m/s |
entspricht |
756 |
Km/h |
|
|
220 |
m/s |
entspricht |
792 |
Km/h |
|
|
230 |
m/s |
entspricht |
828 |
Km/h |
|
|
240 |
m/s |
entspricht |
864 |
Km/h |
|
|
250 |
m/s |
entspricht |
900 |
Km/h |
|
|
260 |
m/s |
entspricht |
936 |
Km/h |
|
|
270 |
m/s |
entspricht |
972 |
Km/h |
|
|
280 |
m/s |
entspricht |
1008 |
Km/h |
|
|
290 |
m/s |
entspricht |
1044 |
Km/h |
|
|
300 |
m/s |
entspricht |
1080 |
Km/h |
|
|
310 |
m/s |
entspricht |
1116 |
Km/h |
|
|
320 |
m/s |
entspricht |
1152 |
Km/h |
|
|
14 |
m/s |
entspricht |
50 |
Km/h |
Diabolo |
Beispiele v0 = direkt an der Laufmündung
gemessene
Geschossgeschwindigkeit für verschiedene Kaliber:
|
276 |
m/s |
entspricht |
993 |
Km/h |
.32 Auto 71gr Winchester USA Full Metal
Jacket |
|
418 |
m/s |
entspricht |
1.504 |
Km/h |
.357 Mag. 125gr Winchester WinClean
Jacketed Soft Point |
|
209 |
m/s |
entspricht |
752 |
Km/h |
.38 S&W 145gr Winchester Super-X Lead Round
Nose |
|
259 |
m/s |
entspricht |
932 |
Km/h |
.38 Special 125gr Winchester USA Jacketed Flat
Point |
|
236 |
m/s |
entspricht |
849 |
Km/h |
.38 Special 125gr Winchester WinClean
Jacketed Flat Point |
|
216 |
m/s |
entspricht |
777 |
Km/h |
.38 Special 148gr Winchester Super-X Lead Wad
Cutter |
|
258 |
m/s |
entspricht |
928 |
Km/h |
.38 Special 150gr Winchester USA Lead Round
Nose |
|
291 |
m/s |
entspricht |
1047 |
Km/h |
.380 Auto 95gr Winchester USA Full Metal
Jacket |
|
323 |
m/s |
entspricht |
1162 |
Km/h |
.40 S&W 165gr WInchester USA Full Metal
Jacket - Flat Nose |
|
360 |
m/s |
entspricht |
1.296 |
Km/h |
.44 Rem.Mag. 240gr Winchester Super-X Hollow Soft
Point |
|
255 |
m/s |
entspricht |
918 |
Km/h |
.45 Auto 230gr Winchester USA Full Metal
Jacket |
|
267 |
m/s |
entspricht |
961 |
Km/h |
.45 Auto 230gr Winchester WinClean Brass
Enclosed Base |
|
229 |
m/s |
entspricht |
824 |
Km/h |
.45 Colt 250 gr. Winchester Lead Cowboy
Action |
|
363 |
m/s |
entspricht |
1.306 |
Km/h |
9mm Luger 115gr Winchester USA Full Metal
Jacket |
|
363 |
m/s |
entspricht |
1.306 |
Km/h |
9mm Luger 115gr Winchester WinClean Brass
Enclosed Base |
Das Abzugsgewicht beträgt im ungespannten Zustand circa
2-5 kg. Im gespannten Zustand circa 1-2 kg.
Das Körpergewicht des Bedrohten/Verteidigers entscheidet über
die Beschleunigung seines Körpers, denn je schwerer er ist, desto größer ist die
Massenträgheitskraft, die er durch explosiven körperlichen Einsatz überwinden
muss.
Die Goldene Regel für den Einsatz einer Faustfeuerwaffe
lau-tet: Je größer die Distanz zwischen Faustfeuerwaffe und Ziel-person, desto
größer ist die Sicherheit für den Schützen. Je mehr sich der Schütze der
Zielperson nähert, desto mehr gibt er den Vorteil der Reichweite auf. Die
Entfernung zwischen Faustfeuerwaffe und Zielperson ist also ein maßgebliches
Kri-terium.
Der körperliche Einsatz zum
Abfeuern einer Faustfeuerwaffe ist auf das Krümmen des Zeigefingers reduziert.
Diese Bewegung ist minimal im Vergleich zum
Aufwand einer möglichen
Abwehr bzw. Entwaffnung. Das Auslösen
des Schusses geschieht durch eine Explosion in der Patronenkammer, die das Projektil
auf die oben angeführte Geschwindigkeit beschleunigt. Dieses Projektil
fliegt nun mit der dreifachen
Geschwindigkeit eines Hochgeschwindigkeitszuges auf die Zielperson
zu.
Wenn also der Schütze die Zielperson bewusst nicht über eine
ge-wisse Distanz an sich herankommen lässt und vorher den Schuss auslöst, kann man höchstens von einer Distanz von circa 2 m
ausgehen. Die durchschnittliche Entfernung eines Faustfeuerkampfes beträgt
circa 5 bis 10 m.
Hier eine kleine
Übersicht von Trefferzeiten im Verhältnis zum Abstand:
|
Abstand |
|
Geschwindigkeit |
|
Sekunden
bis zum Treffer |
|
|
1 |
m |
230 |
bedeutet |
0,0043 |
(oder
4,3 Millisekunden) |
|
2 |
m |
230 |
bedeutet |
0,0087 |
(oder
8,7 Millisekunden) |
|
3 |
m |
230 |
bedeutet |
0,0130 |
(oder
13 Millisekunden) |
Daraus folgt: Der unbewaffnete Bedrohte/Verteidiger müsste
theoretisch seine Körpermasse (durchschnittlich 60 bis 80kg) deutlich schneller
als die oben angeführten Trefferzeiten über die entspre-chende Distanz bewegen und dabei auch noch
gleichzeitig die Waffe präzise unter
Kontrolle bringen oder den Zeigefinger des Halters nachhaltig blockieren. Der
Bedrohte/Verteidiger müsste danach
mindestens 50% schneller sein als die oben angeführten Trefferzeiten, um
die Kontrolle über die gegnerische Waffe auch sicher ausüben zu können. Noch
einfacher ausgedrückt: Bevor sich der Zeigefinger überhaupt krümmen könnte,
müssten Sie schon die Kontrolle über die Waffe/den Zeigefinger erlangt haben!
Um Ihnen ein wenig Gefühl
für das Verhältnis Mensch/Zeit in Millisekunden zu geben, sei der Münchner
Hirnforscher Ernst Pöppel zitiert: Ein Händedruck, ein Blick zurück, die Zeile
eines Gedichts, ein Schluck Wein, all dies dauert ungefähr drei Sekun-den.
Er begründet das damit, dass das Gehirn sich ungefähr alle drei Sekunden fragt
„Was gibt es Neues in der Welt?“ Ein relativ neues Modell für
Verarbeitungsprozesse im Gehirn ist das "liquid computing model". Im Gegensatz
zu bisherigen theoretischen Mo-dellen geht es davon aus, dass das Gehirn nicht
jede Information für sich in einem festen Zeittakt bearbeitet, sondern in
kleinen Paketen, die aus
ineinanderfließenden und sich auch überlagernden Informationen aus verschiedenen Zeitabschnitten
bestehen. Nach eingehenden
Untersuchungen dauern die Nervenreaktionen eines Menschen schon in der
ersten Verarbeitungsstufe im Gehirn mehrere 100 Millisekunden, eine relativ
lange Zeit. Man vermutet daher, dass neuronale Reaktionen auf Reize auch
Informationen be-inhalten, die von einem vorhergehenden Reiz stammen, also schon
auf eine Art von Erinnerung zu einem sehr
frühen Zeitpunkt der Informationsverarbeitung zugreifen (vgl. Nikolic,
Häusler, Singer & Maass, 2009).
Hier ein kurzer Auszug
von Dr. P. Natterer (Universität Trier Fachbereich I – Philosophie –
http://www.paul-natterer.de) zum Thema Wahrnehmung:
[...Trotz heftiger Debatten herrscht heute in
der Forschung weitestgehende Übereinstimmung hinsichtlich einer dualen Kodierung
und Organisation mentaler Repräsentationen. Diese duale Kodierung umfasst einen
anschaulichen, imaginativen Kode in Form von Bildern und einen
begrifflich-abstrakten Kode in Form von Ideen und
Wörtern.]
[....
·
Neurophysiologisch
lassen sich nun diese Kodierungsformate in genauer Unterscheidung nacheinander
am Hirnstrombild (EEG) ablesen. Die Repräsentation der aktuellen Sinnesreize
erfolgt von 0‑100 Millisekunden; die mentale Kodierung des zusammengesetzten
Wahrnehmungsbildes erfolgt von 100‑300 Millisekunden; die begriffliche
Enkodierung bei 400 Millisekunden.
·
Wenn
wir auf die Wahrnehmung auch unmittelbar reagieren wollen, etwa bei einem außer
Kontrolle geratenen Kampfhund, dann werden die motorischen Reaktionsprogramme
gleich anschließend bei 600‑800 Millisekunden formatiert. Denn auch das, was wir
tun wollen, muss vorher mental geplant und entworfen, repräsentiert
werden.
...]
Diese Ausführungen sollen zeigen: Jedes Projektil – ist es einmal in Bewegung gesetzt – fliegt schneller als wir wahrnehmen können. Um es also am Start zu hindern, muss der Zeigefinger des Schützen blockiert werden. Aufgrund der Geschwindigkeit ist dies unmöglich, sogar bei einem Abstand von nur ein bis zwei Metern.
Eine Alternative wäre, die Waffe/den Waffenarm aus der
Ziellinie auszulenken, damit das erste Projektil am Ziel vorbei fliegt. Dies
birgt jedoch die Gefahr, dass der Verteidiger durch den Knall und die Feuerentwicklung an der Mündungsöffnung den
zweiten Schuss nicht mehr richtig wahrnehmen und deshalb verhindern kann.
Sollten Sie gedanklich vorhaben, die Waffe seitlich auslenken zu wollen, dann
stellen Sie sich auf einem Schießstand seitlich genau neben den Schützen und erleben den Druck, die
Geräuschentwick-lung und die
Mündungsfeuerentwicklung der Faustfeuerwaffe – aber
ohne Gehörschutz!

